Editors: John Lauritsen and Ian Young
Verlag ASKLEIPOS/Pagan Press (Box 1902, Provincetown, MA 02657-0245, U.S.A.), erschienen 1997
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber
Die Jungs in ihren Zwanzigern, die niemals ein Sexleben ohne AIDS hatten, setzen sich mit Absicht fatalistisch dem HIV als einem rituellen Test der Männlichkeit aus.Jack Fritscher, Mapplethorpe: Assault with a Deadly Camera, 1994
Erlöse mich von den Blutsammlern, Oh HERR,In den Schwulenbars und -tanzclubs, den Raves und den Fetischnächten und den ,,AIDS fundraising-Veranstaltungen'', entsteht eine neue Mode des Körperornaments. Junge schwule Männer beginnen damit, Tätowierungen zur Schau zu tragen, die Großbuchstaben H, I und V, gefolgt von einem Minuszeichen. Die Idee dabei ist natürlich, dass, wenn du serumkonvertierst, also dein HIV-Status positiv wird, du nur einen recht kurzen Besuch bei deinem Tatoostudio brauchst, um das Minuszeichen in ein Pluszeichen zu ändern. Glänzend einfach.
Denn Du bist der Herr meiner GesundheitPsalmen
Das (nur einseitig) konvertierbare Tatoo deutet auf ein beunruhigendes Phänomen hin, das nur langsam wahrgenommen wird. Eine erstaunliche Zahl junger Schwuler, deren sexuelle Aktivität erst nach der Implementierung des ,,Safe Sex' und AIDS-Aufklärungsprogrammen der Achtziger und Neunziger begann, serumkonvertieren -- bei ihnen wird HIV nahcgewiesen, das Virus, von dem man allgemein glaubt, dass es AIDS hervorruft. Einer Schätzung zufolge sind ein drittel aller schwulen Zwanzigjährigen mit dreißig entweder tot oder HIV-infiziert sind. Dem Psychologen Walt Odets zufolge realisieren viele von ihnen nicht nur die Möglichkeit von AIDS für sich, sondern ,,akzeptieren es als Schicksal, zu dem sie wenig tun können.''
Zwei kürzlich erschienene Bücher, Odets' In the Shadow of the Epidemic: Being Negative in the age of AIDS1 und Johnstons HIV Negative: How the Uninfected Are Affected by AIDS2 untersuchen diese neue Sorglosigkeit über Serumkonversion und bieten einige betrübliche Einsichten in die moderne Lebensart. Odets ist ein klinischer Psychologe und Psychotherapeut, Johnston hat eine Diskussionsgruppe für schwule HIV-negative junge Männer eingerichtet. Unabhängig voneinander sammelten sie bedeutende Beweise für (in den Worten Odets') ,,eine psychologische Epidemie unter jungen uninfizierten Schwulen''
Die AIDS-Krise, die sich nun schon über 15 Jahre hinzieht, betrifft jeden einzelnen in der Gay Community, infizierte genauso wie uninfizierte. Odets schreibt, dass er ,,unzählige Beispiele von psochischen Problemen unter Schwulen, die noch vor sieben Jahren Aufsehen erregt hätten, aber nun so häufig sind, dass sie kommentarlos hingenommen werden.'' Viele Schwule haben Angst, irgend jemand nahe zu kommen, ob als Liebhaber oder als Freund, aus der Furcht heraus, dass jegliche innige Beziehung durch einen frühen Tod beendet wird. Wie es ein Mann ausdrückte: ,,Ich dachte niemals daran, eine Beziehung für mehr als ein paar Jahre zu haben, weil ich mich nie mit jemandem getroffen habe, der länger als ein paar Jahre zu leben hatte.''
Odets' und Johnstons Bücher sind die neuesten Beiträge zu einem wachsenden Wissensstand, der die komplexen und vielfältigen Zusammenhänge der ,,Schuld der Überlebenden'' dokumentiert, die immer mehr uninfizierte junge Schwule fühlen. Beide Autoren diskutieren das Entdeckung, dass in der heutigen unbeschwerten Schwulenszene, die sich nicht mehr zu verstecken braucht, HIV-negative Männer tendieren zur klinisch manifesten Depression, Angst, zum desorientierten Zustand, zur Hypochondrie, Zukunftsunsicherheit, sexuellen Dysfunktion, tiefen Demoralisierung und psychischen Taubheit. Viele missbrauchen Alkohol und Drogen und ihre Ärzte verschreiben ihnen Medikamente im Wert von Millionen Dollar jährlich: Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Antidepressiva. Odets findet, dass mehr und mehr uninfizierte Männer nun ,,in jedem Detail wie sterbende Männer leben: desorientiert, von Tag zu Tag mit keine Ansprüchen an die Zukunft.''
Von seinen jahrelangen intesiven Gesprächen mit Freunden, Patienten und Diskussionsgruppenteilnehmern zog Odets den Schluss, dass diese weitverbreitete, endemische Depression seine Ursachen nicht nur in der aktuellen gesundheitskrise hat, sondern auch in einem ,,destruktiven Mix alter Entwicklungsstörungen,'' die normalerweise in der Kindheit begonnen haben. Substanzmissbrauch ist häufig chronisch und reflektiert Stimmungsstörungen, Einsamkeit und Stress; darin gleichen HIV-negative Schwule ihren HIV-positiven Brüdern. Wir sind nun in der Lage, seit langem bestehende Muster von Psychoimmunstörungen in einer zweiten Generation von schwulen Männern zu erkennen -- eine Generation, die ihre sexuelle Bewusstheit in der AIDS-Ära erlangt hat.
Vor ein paar Jahren, als der konservative Kommentator William F. Buckley, Jr. vorschlug, alle AIDS-Kranken zwangstätowieren (am Arm oder am Hintern) zu lassen, um sie sofort erkennen zu können, gab es eine allgemeine Abscheu über diese Idee und es war peinlich, dass der offenbar kultivierte Mensch Buckley es vorschlug. Nun sind solche Tätowierungen freiwillig und es gibt keinen Mangel an Freiwilligen. Nach einem Jahrzehnt Propaganda über Safe Sex berechtigt sich eine ansehnliche Schar junger Männer für HIV+-Tätowierungen. Nun haben wir fast Bill Buckleys Erlebnispark ,,amerikanisches Auschwitz'' und man braucht nicht einmal geschlossene Güterwagen dafür.
Eine Folge der allgegenwärtigen offiziellen Warnungen über ,,riskantes Verhalten'' und ,,(AIDS-)Überträger'' ist, dass mehr und mehr schwule Männer glauben, ihre Körperflüssigkeiten sind gefährlich, und ,,gewisse Verhaltensweisen wie Analsex und Oralsex als unsicher an und für sich definieren, ohne Berücksichtigung, ob einer der Beteiligten HIV hat.'' ,,Es ist üblich, '' schreibt Odets, ,,dass schwule Männer sagen, dass Analsex unsicher ist, selbst wenn es von zwei HIV-negativen Personen praktiziert wird.'' William S. Burroughs zitiert gerne eine Umfrage, bei der die meisten Befragten glaubten, dass man von Analverkehr AIDS bekommen kann, egal, ob HIV vorliegt oder nicht.
Ängste vorm Schwulsein und vor Nähe drücken sich nun häufig als Furcht vor viraler Kontamination aus, was ein scheinbar rationalen Grund zur Vermeidung dessen liefert, was immer schon problematisch war. Wenn HIV mit angstbeladener (und unbewusst gewünschter) homosexueller Intimität identifiziert wird, ist das Resultat ein kraftvoller Drang zur Serumkonversion. Die uninfizierten Männer, die in beiden Büchern interviewt werden, drücken wiederholt die Sichtweise aus, dass HIV-Positive eine reicheres, vielseitigeres, authentischeres Leben haben, mehr Aufmerksamkeit bekommen, besser Risiken eingehen können (im besonderen das Risiko der Intimität) und dass das Leben nur einen Sinn hat und ausgefüllt sein kann, wenn solche Risiken eingegangen werden.
Diese wahrgenommene Verbindung zwischen HIV+-Status und emotionaler Erfüllung ist nur einer der Faktoren, die schwule Männer zur Serumkonversion antreibt. Dieser Zwang rührt vom kollektiven Glauben des AIDS-Establishments her, wie schwule Männer sind. Dieser Glauben wirkt sich immer stärker in der getthoisierten Schwulenszene selbst aus. Es ist die Kraft und die Vielgestaltigkeit des Zwangs zur Serumkonversion, was die zentrale und beunruhigende Botschaft dieser beiden Bücher ist.
Nachdem die Reagan-Regierung 1984 proklamiert hat, dass HIV die einzige Ursache von AIDS ist, wurden führenden AIDS-Forschern lukrative Patente für HIV-Antikörper-Tests genehmigt, und eine aggressive Werbung für HIV-Antikörper-Tests begann. Zunächst sahen die meisten Schwulen- und AIDS-Rechtsorganisationen die Tests als gefährlich und unterdrückerisch an. Mitter der Achtziger mussten sich die Leute, die die Teststellen (das Wort ,,test sites'' erinnert schauerlich an ,,nuclear test sites'') aufsuchen wollten, oft erst ihren Weg durch die Linien der lautstarken schwulen Demonstranten bahnen. Regierungen und Pharmakonzerne puderten ausgewählte Personen mit etwas Geld ein, und der Protest starb aus. Bald gab es einen breiten Konsens, dass Testen eine Tugend, eine Bürgerpflicht und eine gescheite Sache sei.
Ein positiver HIV-Test, so die derzeitige Weisheit, führt zu ,,frühzeitigem Eingreifen,'' wobei die Verabreichung von großen Mengen pharmazeutischer Produkte -- sogenannte antivirale Medikamente, meist Nukleosidanaloge, deren katastrophale Nebenwirkungen oft AIDS-Symptomen ähneln. Man kann darüber streiten, ob die nun auftretenden Krankheiten Folge des unaufhaltsamen ,,Fortschreitens'' des Virus oder eine selbsterfüllende Prophezeiung sind.
Die Zitate (direkt und aus erster Hand) HIV-negativer Männer in diesen Studien erwecken den Eindruck, dass ein HIV-positiver Test nicht mehr in jedem Fall als ein Unheil angesehen wird. Das liegt teilweise daran, dass einige AIDS-Kranke lernen, für sich zu sorgen, und so länger zu leben, und teilweise daran, dass eine wachsende Zahl schwuler Männer eine HIV-Infektion und das darauffolgende AIDS nicht mehr als etwas sehen, dass verhindert werden kann oder sollte, sondern als, in Johnstons Worten, etwas, das ,,fundamental mit schwuler Identität verbunden'' ist. Sicherlich wurde ihnen das so suggeriert. Heterosexuellen und Lesben wird gesagt: ,,AIDS unterscheidet nicht!'' Aber Schwule haben gelernt, es als unverzichtbaren Teil ihrer ,,Gemeinschaft'', ihrer ,,Identität'', ihrer Zukunft zu sehen. Ein Transsexueller, der sich von einer Frau in einen Mann umwandeln ließ, sagte seinem Therapeuten, dass seine Umwandlung zu einem schwulen Mann erst dann vollständig sein würde, wenn er HIV bekommt! Ich habe schon schwule Männer den Homophoben-Witz: ,,GAY steht für ,Got AIDS yet?' '' wiederholen hören.
In den Siebzigern und frühen Achtzigern wurde ein ghettoisierter Konsumismus (Fast Food, Fast Drugs, Fast Sex, Schnellreparaturmedizin) verpackt und verkauft als die ,,Schwule Lebensart.'' Nun wird AIDS zunehmend als neue schwule Lebensart verkauft. In der schwulen Szene der Neunziger dreht sich alles um AIDS.
Die AIDS-zentrierte Sicht auf das Gemeinschaftsleben ist sogar schon in die Lesbengemeinschaft eingedrungen. 1994, nachdem die Gründerin der britischen Organisation für Lesben mit HIV ,,Positive Strength'' zugab, dass ihr HIV-positiver Status nur vorgegeben war, sprach AIDS-Aktivist Simon Watney von ,,einer eingebildeten Epidemie von Phantasie-AIDS'' unter britischen Lesben. Die lesbische Autorin Robin Gorna schrieb: ,,obwohl es viele Schwule gibt, die ebenfalls über ihren HIV-Status lügen, scheint es einige Lesben zu geben, die sich nicht in der Lage fühlen, ihre eigenen Themen im Angesicht des AIDS-Horrors zu artikulieren. Wenn du eine junge Lesbe bist, ist deine Identität fest mit AIDS verbunden, obwohl AIDS nicht dein Thema ist.'' Sie fügt hinzu, dass es keinen Anhaltspunkt dafür gibt, dass lesbischer Sex irgendein signifikantes AIDS-Risiko hat; Lesben mit AIDS kriegen es von Drogen und Sex mit Männer, was ,,immer noch ein Tabu in der lebischen Szene''3 ist. In all dem Spektakel, wie viele Lesben AIDS kriegen, scheint Gornas Bemerkung übersehen worden zu sein, dass viele schwule Männer über ihre HIV-Infektion lügen.
Walt Odets verweist uns auf den in der Schwulenszene weitverbreiteten Standpunkt, dass nur AIDS-Kranke und HIV-Positive das Recht haben, starke Gefühle auszudrücken. Als er seine Bedenken über die emotionelle Gesundheit HIV-negativer schwuler Männer äußerte, so erinnert er sich, sah er sich mit der Tatsache konfrontiert, dass es für HIV-Negative als unangemessen galt, ,,Gefühle über ihr eigenes Leben zu erleben, die es Wert sind, diskutiert zu werden, oder die Gegenstand von Aufmerksamkeit und Sorge anderer sein sollen.'' Die Gefühle derer, die als ,,uninfiziert'' gelten im allgemeinen als ,,egoistisch, unangemessen, oder einfach lächerlich.'' Oft werden sogar HIV-Negative als Der Feind angesehen; ein Mann auf einem Organisationskomitee erwiderte scharf, als ihm von einer HIV-Negativen-Diskussionsgruppe erzählt wurde: ,,Das ist als wenn Deutsche sich treffen ... um sich zu gratulieren, dass sie keine Juden sind.''
Die Gesellschaft hat niemals dem Wohl der schwulen Männer eine Priorität eingeräumt. Aber wenn du AIDS hast oder HIV-positiv bist, steht dir eine ganze Palette sozialer Dienste, Unterstützungsgruppen, medizinischer Stiftungen und anderer Vergünstigungen zur Verfügung. Plötzlich wird dir Aufmerksamkeit gewidmet. Variationen der selben Phrase tauchen immer wieder in der sentimentalen AIDS-Literatur auf: ,,Ich wusste nicht, wie ich geliebt werden, bis ich AIDS bekam.'' Ein toller Werbespruch, wenn du AIDS verkaufst!
In den städtischen Schwulenghettos der Achtziger und Neunziger hat sich eine ganze AIDS-Kultur herausgebildet -- eine AIDS-Szene, die auf einer sich wandelnden Mischung aus medizinischen und subkulturellen Annahmen basiert. Diese neue Blutbrüderschaft wird langsam zu einer Art Orden von Eingeweihten im exoterischen Konglomerat der Schwulen- und Lesbenszene, und eine wachsende Zahl von Hochglanzmagazinen widmet sich den Vergünstigungen und Freuden des Positiven Lebensstils. Man hat sein ,,Coming out'' in diesen Lebensstil nur in einer Richtung, durch Serumkonversion. Serumkonversion ist das Ritual, das alle über sich ergehen lassen müssen, die beim Kult dabei sein wollen. Wer einen Freund verloren hat, oder besser ein oder mehrere Liebhaber, kann eine Ehrenmitgliedschaft beantragen. Das unoffizielle Banner des Kults ist das rote Band in einer Schlaufe, normalerweise an der Hüfte befestigt, oder besser am Mantel. Einst ein Wohltätigkeitsabzeichen, kann man nun das ,,Rote Band'' in vielen schicken Designer-Formen käuflich erwerben: man kann wählen zwischen Keramik, Leder, 24-Karat-Gold mit roten Steinen besetzt. Elizabeth Taylor gehört zu den wenigen, die sich ein ,,Band'' mit Diamanten und Rubinen leisten kann. Natürlich vergehen Moden schnell, und das rote Band wird langsam etwas passé, um nicht zu sagen Kitsch.
Unter dem Druck der sich in die Länge ziehenden Krise schreitet die Transformation der Symbole, politischen Anschauungen und Identitäten unbarmherzig fort. In den Achtzigern und frühen Neunzigern wurde die Figur des AIDS-Aktivisten, der brodelnde ACT-UP-Ableger, aufgeblasener Körper unter dem weißen politischen T-shirt, Kopf rasiert, Marke Konzentrationslager, für eine Weile ein Symbol mit erotischer Resonanz, eine sexuelle Ikone. Ausgepumpt durch Wutausbrüche, die in keine bestimmte Richtung gingen, ist die Mode heute nicht mehr so populär.
Die sich füllende Liste der AIDS-Toten (viel freier Platz gelassen auf dem Denkmal, wie vorausschauend) ist die Daseinsberechtigung dieser neuen, prototypartig postmodernen, Gemeinschaft. Todesanzeigen und Begräbnisse sind sein soziales Bindemittel, seine wichtigste dramatische Form ist der Denkmalsdienst. Alle zwei Wochen, wenn eine neue Ausgabe der Xtra! erscheint, schlägt jeder zuerst die Todesanzeigen auf. Die Toronto-Ausgabe dieser kanadischen Schwulenzeitung combine (weil sie sich geklont hat) veröffentlicht eine jährliche Liste der AIDS-Toten unter der Hauptüberschrift ,,Stolze Leben.'' Tode aus anderen Gründen als AIDS bekommen die nüchterne und abwertende Markierung ,,Andere Verluste.'' HIV-positive Verstorbene werden manchmal in die ,,Stolze Leben''-Liste aufgenommen, auch wenn sie sich selbst umgebracht haben oder von einem Berg gefallen sind. Wenn du positiv bist, gibt es nur einen Weg zu sterben, und wir werden das festhalten.
Das Überschatten aller anderen Schwulenthemen durch die AIDS-Agenda (darauf wies zuerst Darell Yates Rist hin) und die häufige Ignorierung von Problemen der HIV-Negativen haben ein weit verbreitetes Gefühl des ,,Entzugs der Bürgerrechte'' unter uninfizierten Schwulen hervorgerufen. Diese Gefühle werden verstärkt, wenn sie aufgefordert werden, so zu leben, als seien sie infiziert: ,,Sei gut, habe Safe Sex'' -- auch wenn sie in monogamer Beziehung mit einem uninfizierten Partner leben! Walt Odets findet, dass dieser Befehl nicht nur uneffektiv ist, Safe Sex zu fördern, sondern auch psychologisch katastrophale Folgen hat.
In der Schwulenszene der Städte sind die Uninfizierten nun etwas, was William Johnston eine ,,psychische Minderheit'' nennt, die in zunehmenden Maße den Wunsch haben, Positiv zu Denken und sich der psychischen Mehrheit, der HIV-Szene, anzuschließen. Es wäre unverständlich noch vor ein paar Jahren gewesen: ein positiver HIV-Test oder eine AIDS-Diagnose führt oft zu einer Verminderung der Ängste. Der Direktor einer Gesundheitsfürsorgestelle gab an, dass Krisenreaktionen, die sofortige Beratung erforderten, bei negativen HIV-Testergebnissen dreimal so häufig waren wie bei positiven Ergebnissen!
Unter den Antworten auf ein negatives Testresultat waren zu finden: ,,Alle meine Freunde sind positiv -- wie kann ich mit ihnen nun Beziehungen haben?'' ,,Jeder wird sehr böse mit mir sein.'' ,,Ich fühle mich von einem großen Ereignis unserer Zeit ausgeschlossen.'' ,,Ich hoffte, ich würde positiv sein, um eine Ausrede zu haben, auszugehen und zu trinken und Drogen zu nehmen.'' ,,Ich fühle, dass mein Coming Out erst richtig ist, wenn ich HIV-positiv bin.'' ,,Es ist viel einfacher, über AIDS nachzudenken als über Schwulsein.'' ,,Die mit AIDS kriegen viel mehr Aufmerksamkeit.'' Und mein persönlicher Favorit: ,,Scheiße! Ich werde nun wohl morgen zur Arbeit gehen müssen.''
Ein Schwuler sagte mir kürzlich, als er zu einem Bekannten sagte, dass er HIV-negativ sei, er die höhnische (vermutlich rhetorische) Antwort: ,,Wie kommt's denn? Wollte denn keiner deinen müden ollen Arsch?'' Ein schwuler Student, der über sein negatives Ergebnis erleichtert war, machte trotzdem eine in sarkastischer Weise aufschlußreichen Kommentar über den ganzen Prozess und die allgemeine Einstellung dazu: ,,Für diesmal,'' sagte er, ,,war ich froh, dass ich mal durchgefallen bin.''
Ein Mitwirkender an Johnstons Buch beschreibt eine Schwulen, der irgendwann nach vielen Versuchen serumkonvertierte: ,,Er hatte ein glückseliges Glänzen auf seinem Gesicht als er herausfand, dass er HIV-positiv ist. Er hat es so lange erwartet, und endlich kamm das gewünschte Ergebnis.'' (Sein Liebhaber, fürchtete er, würde ihn fallenlassen, wenn er so stur negativ bliebe.) Diese neue Einstellung -- völlig unvorhergesehen bei den Gelehrten der AIDS-Bildung und seinen Konsumenten -- führt Odets zu der Frage ob die HIV-Test-Berater ,,unbewusst suggerieren, dass ein positives Ergebnis ,wichtiger' als ein negatives ist.'' Die benutzte Sprache nimmt die Antwort vorweg; sicherlich richten sie ihre Aufmerksamkeit ausschließlich darauf, ihre Kunden auf ein positives Testergebnis vorzubereiten.
Der man mit dem glückseligen Glänzen gehört zu der wachsenden Gruppe schwuler Männer, die ihren ,,Fortschritt'' (progress, der offizielle Terminus4) zur Serumkonversion und zu AIDS als irgendwie wünschenswert oder unvermeidbar ansehen. Für die sprießende Kohorte der Serumkonvertierten ist die Annahme einer HIV-positiven Identität zu einem wichtigen Ritual des Übergangs zu einem Leben als schwuler Mann geworden. Ein glückseliges Glänzen ist ein charakteristisches Zeichen von religiösen Übergangserlebnissen, und in vielerlei Hinsicht ähneln diese Männer den frisch aufgenommenen Mitgliedern eines Kultes.
Die Auffassung nimmt an Bedeutung zu, dass für einen schwulen Mann die HIV-Positivität, nun, positiv ist. Fundamentale Konotationen wie die der Wörter ,,positiv'' und ,,negativ'' sind tief eingebettet in der Interpretation der Terminologie, die wir benutzen. Die Leute vertauschen nicht so ohne weiteres schwarz und weiß, oder akzeptieren ein negatives Ergebnis als positiv. Genausowenig kann der häufige Gebrauch des Wortes ,,Status'' inkonsequent genannt werden; wir werden über den Antikörperstatus belehrt, und die unterschwellige Suggestion ist, dass ein positiver Test uns ,,körperpositiv'' werden, uns eine ,,positive Einstellung'' annehmen und uns beachtenswert werden lässt5. Das Phänomen des selbstbewussten positiv Serumkonvertierten und seinen neurotischen negativen Zwilling hat sich aus der bizarren dogmatischen Logik des HIV-Fundamentalismus entwickelt -- Walt Odets nennt das die ,,Widersprüche, Inkonsistenzen und Anomalien'' von AIDS.
Odets schreibt, dass ,,man eine Rückkehr zum ungeschützten Sex unter schwulen Männen seit etwa 1988 überall wahrnehmen kann.'' Warum 1988, 4 Jahre nach der Proklamation von HIV als die Ursache von AIDS? Meine eigenen Erfahrungen von regelmäßigen Besuchen in New York City, einem AIDS-Epizentrum, ergaben, dass die Jahre 1987 und 1988 der Höhepunkt ,,Der Furcht'' (wie der Romanschriftsteller Andrew Holleran es prägnant nannte) waren. Cristopher Street war leerer als sonst und viele Schwule fürchteten sich sogar zu küssen. Verschleppte, unausgedrückte Trauer und paralysierende Panik schienen, sogar für einen Besucher, alle möglichen Neurosen und eine Art kollektiver mentaler Zusammenbruch hervorzurufen. Wenn die Rückkehr zum ungeschützten Sex in den späten Achtzigern begann, wie Odets glaubt, dann kann das wohl eine Reaktion auf diesen Zusammenbruch sein -- ein heroischer Sieg über die Angst durch das unerschütterliche Annehmen, was nicht verhindert werden kann.
Als die AIDS-Krise gerade begann schrieb der Poet und Schriftsteller George Whitmore, dass wir so viele ,,rebellische'' Dinge (wie früh um 4 in der Mine auf allen vieren herumkrauchen, oder an gefährlichen Sexualszenen teilnehmen, die so populär geworden sind) tun, um zu zeigen, dass wir diese Dinge tun können, ohne mit der Wimper zu zucken, und überhaupt, dass wir keine Waschlappen sind. John Rechy schrieb sexuell promiskuöse schwule Männer heroischen Qualitäten zu, nannte sie Blitzkriegtruppen der sexuellen Revolution. Ist das selbe defensive Bedürfnis, seine Männlichkeit, seinen Mut, seine Zugehörigkeit zu beweisen nun auch für das Phänomen der Serumkonvertierung zuständig?
Überlebendenschuld geht oft einher mit dem Gefühl, dass man nicht überlebt haben sollte -- und mit der Hoffnung, dass man nicht überleben wird. Die urbane schwule Lebensart ist für Junge geschaffen, und solche, die dieser Lebensart anhängen, scheint der Verlust der Jugend schlimmer zu sein als eine unheilbare Krankheit. Michelangelo Signorile schrieb kürzlich in einer Kolumne6, dass ,,viel zu viele Schwule sagen, dass sie sich vor dem Altwerden fürchten, in einer Schwulenwelt, die die Jungen und Knackigen auf eine Sockel hebt, während es die Über-35-jährigen wie Aussätzige behandelt. Er erzählt von einem jungen Schwulen, der unsicheren Sex hat, weil ,,er nicht leben will, bis er 50 ist. Er möchte nicht noch eine alternde Königin sein, die von Leuten wie er selbst höhnisch angeguckt wird.'' Ein anderer Mann sagte, er fühle sich soviel ,,niedriger'' als die Männer, zu denen er sich hingezogen fühlt, dass er ,,alles für sie tun würde'', einschließlich ungeschütztem Sex.
Walt Odets schlußfolgert, dass ,,für manche sind die selbstzerstörerischen Aspekte wichtige Motive, unsicheren Sex zu praktizieren.'' Er unterstreicht, dass ,,das nichts mit Selbstgefälligkeit zu tun habe, und auch nicht von der traditionellan AIDS-Aufklärung abgedeckt wird.''
Das AIDS-System, das sich nun in den Schwulenghettos der Städte festgestzt hat, hat aggressiv für den HIV-Antikörper-Test (,,den AIDS-Test'') geworben und die meisten verbreiteten AIDS-Bildungs-Programme ermutigen die Leute -- im besonderen schwule Männer -- sich ,,testen zu lassen.'' Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Bruce Babbit beschrieb dieses System als ,,Voodoo-Geesundheitspolitik,'' die von der Idee angetrieben wird, dass, ,,wenn wir immer weiter Nadeln in Leute stechen und Bluttests nehmen, die Krankheit verschwinden wird.'' Die offensichtliche Absurdität dieser Idee bekommt dann einen Sinn, wenn es nicht die Krankheit ist, die man sich wegwünscht, sondern die Serumpositiven (potentiell also die Schwulen) selbst, wobei das AIDS-System der institutionalisierten Wunscherfüllung der kollektiven Phantasie entspricht, getarnt als medizinischer Dienst.
,,Es gibt nur zwei Wege, es herauszufinden,'' lautet ein Slogan auf einem Briefumschlag, den ein schwuler Mann erhielt, ,,Du kannst dich testen lassen. Oder du kannst krank werden.'' Obwohl nirgendwo AIDS erwähnt war, ,,wusste er sofort, was diese kryptische Nachricht bedeutete.'' Er sagte, es fühlte sich ,,wie ein Überfall'' an. Der Brief war von Project Inform, eine Gruppe, die als alternative AIDS-Hilfe-Gruppe begann und sich in etwas entwickelte, dass ein Kommentator als ein ,,Macht-Makler, der Teile der AIDS-Industrie mit den passenden Regierungstellen zusammenbringt''. In einem Leserbrief an die Schwulenzeitung, den San Francisco Sentinel, wurde Project Inform als ,,pharmazeutischer Zuhälter'' genannt.
Große Teile Johnstons HIV Negative werden von verschiedenen ,,uninfizierten'' schwulen Männern beigesteuert, einige mit ihren Namen, andere benutzen Pseudonyme. Und Odets Buch, das analytischere von beiden, enthält viele kürzere Zitate aus der umfangreichen Beratungpraxis des Autors. darunter sind zu finden: ,,Negative Männer sind wie meine Familie, sie haben keine Gefühle.'' ,,Was ich weiss, ist, dass ich meinem Herzen folgen werde, und ich denke, es führt mich zu einer Art Verständnis für den Fakt, dass HIV zu haben eine Person ausmacht.'' ,,Sie werden ein Heilmittel haben, wenn wir es kriegen.'' Eine Bemerkung, die ich mehrfach gehört habe, ist: ,,Wenn ich positiv teste, kann ich beginnen, für mich zu sorgen.''
Häufig gibt es das Gefühl, dass der Versuch, negativ zu bleiben -- der Kampf, negativ zu bleiben, wie es ein Mann sagte -- sei zu schwer, zu zerstörerisch für jede Lebensfreude. Das ist nicht überraschend, wenn die Regeln ,,sicheren'' Verhaltens einerseits so stringent, andererseits so dehnbar sind. Ist oraler Sex sicher? Ist es mit ein Zahnschutz O.K., und wenn ja, warum sollten wir sowas wollen? Soll ich mir bei einer scharfen Pizzakruste Sorgen machen, die meine Lippe aufreißen und das Virus hereinlassen könnte? Bin ich dazu verdammt, hierzubleiben und alle meine Freunde sterben zu sehen?
Im Angesicht solcher Rätsel scheint positiv zu werden für einige wie das Tor zu Intimität, Licht und Liebe zu sein, und des Leben mit AIDS mit all seinem Horror erscheint lohnender oder einfacher als das Leben ohne. Was immer auch der Verdienst solcher Fragen sein mag, der mentale Boden, auf dem sie wachsen, ist der fruchtbare Boden einer ,,positiven,, Entscheidung.
Eric Rofes vonm der National Gay and Lesbians Force, der eine Einführung zu HIV Neagtive beisteuerte, beschreibt sich selbst und andere uninfizierte Männer als ,,die Bewohner, die zum Überleben vorgesehen sind, denen man lässt, wie Roboter oder Zombies auf der Erde umherzulaufen, uns selbst und anderen zu sagen, dass alles in Ordnung sei, während wir eigentlich taub sind, abgeschnitten von unseren Gefühlen.'' Das kontrastiert deutlich mit dem dunklen, vampirhaften Zauber von AIDS. Walt Odets nennt es ,,den Charme der Krankheit.'' All diese Vorstellungen treiben den Wunsch zur Serumkonversion an.
Eine andere häufige Beobachtung zum HIV-Test ist, dass die Getesteten oft ihre negativen Resultate anzweifeln, positive Resultate jedoch selten. Die Psychologin Rachel Schochet fand heraus, je mehr schmerzliche Verluste die Männer erlitten hatten, desto mehr zweifeln sie ihr eigenes negatives Ergebnis an -- und umso mehr ungeschützten Sex hatten sie.
Negative Testresultate anzuzweifeln, ist in der Administration des Tests selbst eingebaut. Positive Resultate, so wird uns (fälschlicherweise) gesagt, sind niemals falsch, aber negative Resultate können auf eine zu frische Infektion hindeuten, einfach falsch negativ sein, oder darauf, dass sich das Virus versteckt. Und so wird uns mitgeteilt, wenn wir negativ testen, sollen wir unsere Erleichterung zurückhalten und regelmäßig zur Teststelle zurückkehren. Wenn wir nicht ständig wiederkommen wie ein Jo-Jo, würden wir sicherlich irgendwann anfangen, HIV zu verbreiten (presumably we would snap our strings and go careening off, cavalierly spreading HIV around, to ourselves and others, Typhoid Mary off on a bender). In Wirklichkeit fördert das AIDS-System keine Selbsterkenntnis, und durch die unterschwellige Suggestion, dass ein positives Ergebnis unvermeidbar und wünschenswert ist, ermutigt sie zu dem Verhalten, dass es vorgibt zu verhindern. Das konstante Angstzustand, den es erzeugt, zerstört die mentalen Fähigkeiten und das Immunsystem.
Der HIV-Antikörpertest (normalerweise HIV-Test oder AIDS-Test genannt) wird von enormen Stressmengen umgeben, mit negativen immunologischen Folgen. Paul Fielding (Pseudonym aus Johnstons Buch) bringt es auf den Punkt: ,,Du darfst kein Stress haben, weil das die T-Zellen zerstören würde ... So musst du versuchen zu lächeln, während du in einem Schnellkochtopf wohnst.''
Warnungen vor ,,Risikogruppen'' und ,,Risikoverhalten'' berühren einen stark zweideutigen Terminus in unserer Gesellschaft, in der Risiko mit unternehmerischem Verhalten, dem verherrlichtem Alles-auf-eine-Karte-setzen und dem Wettbewerb assoziiert wird und hoch bewertet wird. Gefahren zu riskieren war immer scho ein Test der Männlichkeit für die rebellischen Jugend: ,,unsicheren Sex'' zu praktizieren, ist eine Herausforderung, eine Möglichkeit, sich etwas zu trauen, eine moderne Version des ,Chicken Run'' aus Rebel Without A Cause.
Der französische Autor Hervé Guibert schrieb über seinen Liebhaber Muzil, der regelmäßig Bäder aufsuchte, um Sex zu haben, ungeachtet seine angeschlagenen Gesundheit. Muzil sagte:
Die Bäder sind niemals populärer gewesen, und nun sind sie fantastisch. Die überall lauernde Gefahr hat neue Komplizenschften, neue Zärtlichkeit, neue Solidarität geschaffen. Vorher sagte niemand etwas, heute sprechen wir miteinander. Wir wissen alle genau, warum wir hier sind.7Die ,,lauernde Gefahr'' ist natürlich das dämonisierte ,,AIDS-Virus'', dessen angebliche Fähigkeit zu ,,lauern'', sich zu ,,verstecken'', und zu anderem ,,cleveren'' Verhalten für die vielen Fälle von HIV-negativem AIDS verantwortlich gemacht wird. Und die Männer sind dort, um gefährlich zu leben.
Der alles beherrschende Druck zur Serumkonversion hat das Phänomen des HIV-Testzwangsneurotikers kreiert, der uninfizierte Mensch, der in der ,,Testmühle'' gefangen ist, der ständig eine oder mehrere Teststellen (,,Ist es ein gutes Labor?'') aufsucht und ständig seine negativen Resultate anzweifelt. Johnston diskutiert einen Versuch in Boston, eine Diskussionsgruppe für solche Zwangstester zu iniziieren. ,,Die Gruppe funktionierte nicht, weil alle individuelle Aufmerksamkeit wollten ... Sie wollten nicht mit den Geschichten anderer konkurrieren, weil ihre jeweils eigene Geschichte die allerwichtigste war.'' Ein zwanghaftes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit wird leicht von den Diensten der AIDS-Industrie geliefert, welche eigens zu dem Zweck geschaffen wurde, denen die nötige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die die Serumkonversion erreichen konnten. Der Zwangstester ist der werdende Serumkonvertierer.
Die vielgerühmten Safe Sex und AIDS-Aufklärungsprogramme der Achtziger und Neunziger waren ein spektakulärer Misserfolg. Sie sind genauso kontraproduktiv wie die Kampagnen gegen voreheliche Schwangerschaften von Teenagern unter Schwarzen -- aus dem selben Grund: die grundlegenden Ursachen der Phänomene bleiben unberücksichtigt.
In meiner eigenen Stadt Toronto ist promiskuöser unsicherer Sex in den Badehäusern, welche in den letzten Jahren wieder auftauchten, sehr populär. Einige haben die Lizenz, Bier zu verkaufen, das sie inoffiziell mit Poppers und Crack Cocaine (rauch es zu Hause) als Zugabe ergänzen. Auch hier ist die Rate der Serumkonversionen unter jungen Männern -- und dem nachfolgende Eintritt in das baufällige Labyrinth des AIDS-Systems -- im Steigen begriffen. Und Xtras Traueranzeigenkolumne wird nicht kleiner.
Es wird immer klarer, dass die Konsequenzen des AIDS-Systems sich von den selbsgesteckten Zielen unterscheiden. Unbewusste Faktoren spielen hier eine Rolle -- unidentifiziert, unerkannt. Eric Rofes schreibt in seinem Vorwort: ,,Etwas passiert mit uns, das keiner sehen will.''
Odets erklärt, wie der Ansatz des AIDS-Systems zur Verhütung aus dem ,,Modell Öffentliche Gesundheit/Soziales Marketing'' gewonnen wird, das aus unbarmherziger Propaganda (,,Information und Bildung'') und aus der Nutzbarmachung von etwas, das er in delikater Weise als ,,ausgewählte Führer, die das Gruppenverhalten formen sollen,'' bezeichnet. Komplexe psychosoziale Dinge werden ausgeklammert; Gefühle über Sex und Tod, persönlicher Wert, Ziele, Intimität und menschliche Bedürfnisse beleiben unberücksichtigt, mit der Ausnahme von einigen unabhängigen Therapiegruppen. Ihre simplizistische Strategie basiert auf der Annahme, dass Sex für schwule Männer lediglich eine mechanische Prozedur ohne menschliche Bedeutung ist, und dass Immunsuppression nur durch den intimen Kontakt mit dem Blut oder Sperma eines ,,infizierten'' Partners erworben werden kann. (Offentliche Bedenken über Speichel, Tränen und Schweiß werden zuweilen ausgedrückt, wurden aber bis jetzt recht erfolgreich abgelehnt.)8
Die Natur der Beziehung von HIV und AIDS war Gegenstand eines scharfen Disputs, obwohl die Debatte eher einseitig war: die Skeptiker (relativ wenige Wissenschaftler mit 3 Nobelpreisträgern) präsentieren detaillierte Kritiken, die die HIV-Fundamentalisten entweder ignorieren oder mit Beschimpfungen beantworten9. Wenn, wie es immer wahrscheinlicher scheint, HIV nicht die einzige Ursache von AIDS ist, jedes AIDS-Aufklärungs-Programm müsste von Grund auf neudurchdacht werden, und einige Leute werden ihre Posten räumen. Natürlich wehrt sich die anwachsende Armee der HIV-Helfer vehement gegen die Ansichten der Kritiker des HIV-Dogmas.
Gekürzt.
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